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Blog · Rückführung

Was Kegschwund wirklich kostet

Für Deutschland gibt es keine einzige belastbare Verlustquote. Was es gibt, sind vier Zahlen aus vier Ländern, die alle dasselbe Problem haben – und eine Rechnung, die zeigt, warum die Rücklaufquote wichtiger ist als jede Materialdiskussion.

Brauereihof im Morgenlicht. Der Ort, an dem Fässer verschwinden – und an den sie zurückmüssen.
Brauereihof im Morgenlicht. Der Ort, an dem Fässer verschwinden – und an den sie zurückmüssen.

Die Zahl, die es nicht gibt

Wer wissen will, wie viele Fässer eine deutsche Brauerei im Jahr verliert, findet nichts. Kein Verband, kein Amt, keine Studie.

Das Umweltbundesamt erhebt regelmäßig, wie viel Getränk in Deutschland in Mehrwegverpackungen verkauft wird – und schließt Fassware ausdrücklich aus. In der Erhebungsmethodik steht, dass Füllgrößen über zehn Liter sowie Fassware unberücksichtigt bleiben, weil sie hauptsächlich gewerblich eingesetzt werden. Für Kegs existieren in dieser Statistik damit weder Umlaufzahlen noch Verluste.

Was das praktisch heißt

Jede Prozentangabe zum deutschen Kegschwund, die Ihnen begegnet, stammt entweder aus einer anderen Region, aus einer Modellannahme oder aus dem Marketing eines Anbieters von Tracking-Systemen.

01

Vier Länder, vier Zahlen, ein Muster

Belegt sind – mit unterschiedlicher Härte – vier Angaben. Keine davon ist eine unabhängige Erhebung; alle vier sind Verbands- oder Behördenangaben, die anschließend weitergereicht wurden.

MarktAngabeHerkunftBelegstärke
Irlandüber 400.000 Fässer seit 2007 gestohlen oder verschwundenIrish Brewers Association, vorgetragen im Oireachtas zur Debatte über das SchrotthändlergesetzVerbandsangabe, in ein Parlamentsprotokoll übernommen
Großbritannien400.000 Fässer im Jahr 2007Fachpresse, Ursprung der Zahl nicht ausgewiesenschwach
USAJahresschaden für die BrancheSchätzung des Beer Institute von 2007, seither unverändert weitergereicht – bis in kalifornische GesetzesmaterialienVerbandsschätzung, nie überprüft
USA (Craft)Verlustkosten je Barrel Jahresproduktion, als SpanneBrewers Association, aus Daten von MitgliedsbrauereienMethodik nicht veröffentlicht

Bei der amerikanischen Spanne lohnt der genaue Blick, weil sie am häufigsten zitiert wird. Die Brewers Association definiert sie als Verlust je Barrel Fassbierproduktion, rechnet sie in der Veröffentlichung aber auf den gesamten Craft-Absatz hoch – einschließlich Flasche und Dose. Das ist inkonsistent. In der weiteren Verbreitung wird zusätzlich fast immer nur die Obergrenze der Spanne genannt, nicht die Spanne selbst. Die Größenordnung stimmt vermutlich; als Punktwert taugt die Zahl nicht.

Warum aus keiner dieser Zahlen eine Quote wird

Um von „400.000 verschwundenen Fässern" auf „x Prozent pro Jahr" zu kommen, bräuchte man die Größe der jeweiligen Landesflotte. Die ist nirgends veröffentlicht – weder für Irland noch für Großbritannien noch für Deutschland. Wer trotzdem eine Prozentzahl nennt, hat sie gebildet, nicht gefunden.

Die einzige Prozentangabe, die uns begegnet ist, stammt von einem Anbieter von Keg-Tracking und ist im Text ausdrücklich als eigene Schätzung gekennzeichnet, ohne Methode und ohne Quelle. Wir führen sie nicht als Beleg.

02

Der Schrott als Anreiz – und warum er schwächer geworden ist

Ein Fass verschwindet selten aus Bosheit. Es verschwindet, weil es aus Edelstahl besteht und ein Schrotthändler es annimmt. Die Frage ist also, wie attraktiv dieser Weg gegenüber der ordentlichen Rückgabe ist.

Die Brewers Association hat diese Rechnung 2013 aufgemacht und kam zu dem Schluss, der Schrotterlös eines Fasses liege mindestens auf Höhe des üblichen Pfands, oft darüber. Daraus folgte die Empfehlung, das Pfand anzuheben.

Diese Rechnung geht heute nicht mehr aufnachgerechnet

Der Schrottpreis für austenitischen Edelstahl liegt heute deutlich unter dem Niveau von 2013. Ein 50-Liter-Keg wiegt leer etwa zwölf Kilogramm; daraus ergibt sich ein Schrotterlös in der Größenordnung von rund einem Zehntel des Neuwerts und etwa einem Siebtel bis einem Achtel des Werts eines generalüberholten Fasses.

Damit liegt der Schrotterlös heute klar unter dem üblichen Pfand. Wer ein Fass zum Schrotthändler bringt, macht wirtschaftlich einen schlechteren Schnitt als beim Zurückbringen – wenn er weiß, wohin.

Genau dort liegt der Punkt. Der Schwund ist überwiegend kein Diebstahlsproblem, sondern ein Zuordnungsproblem: Fässer, deren Eigentümer niemand mehr ermittelt, weil die Kennzeichnung verwittert, der Gastronom gewechselt hat oder das Fass über drei Zwischenhändler gelaufen ist. Sie stehen dann in einem Keller, auf einem Hof, in einer Werkstatt – oder eben irgendwann im Container.

In den USA gibt es dafür ein Meldesystem: Der amerikanische Verband der Recyclingwirtschaft betreibt ein kostenloses Warnportal für Metalldiebstahl. Melden dürfen dort Polizei, Recycler und Eigentümer – also auch Brauereien. Eine Meldung geht per E-Mail an alle hinterlegten Kontakte im Umkreis von hundert Meilen, rund 160 Kilometern. Ein europäisches Gegenstück dazu gibt es nicht.

Deshalb sehen wir eine solche Meldefunktion für unsere eigene Fasserkennung und Rückführung vor: Ein registriertes Fass, das als gestohlen gemeldet ist, trägt den Vermerk in der Datenbank – sichtbar für jeden, der es später scannt oder anfragt.

03

Die Rücklaufquote ist der eigentliche Hebel

Es gibt eine Beziehung, die man einmal gesehen haben muss, weil sie die ganze Diskussion um Mehrweg entscheidet. Sie ist einfach:

Mittlere Zahl der Umläufe = 1 geteilt durch (1 minus Rücklaufquote). Die Kurve ist nicht linear. Sie ist steil.
Rücklaufquote je Umlaufmittlere Umläufe je Gebinde
50 %2
70 %3
90 %10
95 %20
98 %50
99 %100

Von 90 auf 98 Prozent sind es acht Prozentpunkte – und der Faktor fünf in der Nutzungsdauer. Eunomia hat diese Systematik 2023 für Zero Waste Europe an Mehrweg-Take-away-Verpackungen durchgerechnet und formuliert es so, dass schon eine kleine Abweichung der Rücklaufquote das Gesamtergebnis exponentiell verändert.

Zur Redlichkeit

Diese Studie handelt von Bechern und Schalen, nicht von Kegs. Die Formel selbst ist formatunabhängig – sie folgt aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, nicht aus dem Gebinde. Die Übertragung auf Fässer ist trotzdem unsere Analogie und nicht die Aussage der Studie. Wir kennzeichnen das, weil es den Unterschied zwischen einem Argument und einem Beleg ausmacht.

04

Was das mit der Ökobilanz macht

Jetzt wird es unangenehm. Die begutachtete Ökobilanz von Martin und Kollegen setzt den Punkt, ab dem ein Stahlkeg ökologisch besser dasteht als ein Einweg-Kunststoffgebinde, bei 38 Nutzungen an; gegenüber Kunststoff im geschlossenen Recyclingkreislauf bei rund 60. Wir haben das an anderer Stelle ausführlich behandelt.

Legt man die Tabelle oben daneben, ergibt sich:

  • Bei 98 Prozent Rücklauf erreicht ein Fass im Mittel 50 Umläufe. Der erste Ausgleichspunkt ist deutlich überschritten, der zweite fast.
  • Bei 95 Prozent sind es 20 Umläufe. Damit liegt das Fass unter beiden Ausgleichspunkten – ökologisch hätte es sich nicht gelohnt.
  • Bei 90 Prozent sind es zehn. Das ist der Bereich, in dem ein Mehrwegsystem seine eigene Existenzberechtigung verliert.

Das ist der Grund, warum wir Rückführung nicht als Serviceleistung führen, sondern als den Kern der Sache. Ein Fass, das nach zwölf Füllungen aus dem Umlauf verschwindet, hat die Energie seiner Herstellung nie eingespielt – egal wie langlebig der Edelstahl ist, aus dem es besteht.

Eigene Einordnung, ausdrücklich gekennzeichnet

Wie hoch die tatsächliche Rücklaufquote im deutschen Fassbiergeschäft ist, wissen wir nicht, und niemand, den wir gefragt haben, konnte es belegen. Unser Eindruck aus der Aufarbeitung: Sie ist im geschlossenen Brauerei-Gastronomie-Verhältnis hoch und fällt genau dort ab, wo Zwischenhandel, Wechsel des Gastronomen oder Export ins Spiel kommen. Das ist eine Beobachtung, keine Erhebung.

05

Was ein Betrieb daraus machen kann

  1. Kennzeichnung, die den Umlauf überlebt. Ein Fass ohne lesbare Eigentümerkennzeichnung ist auf dem Rückweg ein Fundstück ohne Adresse. Prägung und Laserbeschriftung halten, Aufkleber halten nicht.
  2. Die Verlustpunkte kennen. Fässer verschwinden nicht gleichmäßig, sondern an bestimmten Übergaben. Wer weiß, welche das im eigenen Betrieb sind, braucht kein Tracking-System, um sie zu schließen.
  3. Fremde Fässer zurückführen statt einlagern. Ein fremdes Fass im eigenen Lager ist für den Eigentümer ein Verlust und für Sie ein Rechtsrisiko – Pfand überträgt kein Eigentum. Wie das ohne Ärger abläuft, steht in einem eigenen Beitrag.
  4. Aufarbeiten statt aussortieren. Der wirksamste Beitrag zur Umlaufzahl ist nicht der zusätzliche Umlauf am Anfang, sondern der vermiedene Abgang am Ende.
Warum Funktechnik hier seltener die Antwort ist, als man denktHerstellerangabe

Ein großer Keghersteller schreibt in seinem Servicing-Whitepaper drei Dinge, die gegen die naheliegende RFID-Lösung sprechen: Auf Aluminiumfässern sei RFID nicht zu empfehlen, weil der Klebstoff nicht dauerhaft hält. Eine vollständige Nachrüstung einer gemischten Flotte mit UHF-Transpondern gelte als wirtschaftlich nicht darstellbar. Und der Branchenstandard sei nach wie vor der dauerhaft lasergravierte Code, aufgebracht im ersten Wartungszyklus – günstig, auf allen Kegtypen anwendbar und unabhängig von der Lesetechnik.

Das ist eine Herstellerangabe ohne offengelegte Rechnung, also kein Beweis. Aber es kommt von jemandem, der Funklösungen selbst verkauft – und deckt sich mit dem, was uns Betriebe berichten. Ein Code, den man mit dem Telefon liest, hat gegenüber einem Funkchip einen unschlagbaren Vorteil: Er funktioniert auch bei dem, der ihn nur einmal im Jahr braucht.

Was daraus folgt

Ein europaweites Meldesystem für gestohlene oder herrenlose Fässer gibt es bis heute nicht. Genau diese Lücke schließen wir mit unserer Fasserkennung und Rückführung.

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Wie viel davon Diebstahl ist, was der Schrottwert damit zu tun hat und warum die ehrliche Rückgabe bestraft wird: Wo die Fässer bleiben

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