
Die kurze Antwort
Ein Stahlkeg startet mit einer Hypothek. Sechs Kilogramm Chromnickelstahl herzustellen kostet erheblich mehr Energie und Treibhausgas als ein Kunststoffgebinde von einem Kilogramm. Diese Hypothek zahlt das Fass ab, indem es wieder und wieder läuft – und ab einem bestimmten Umlauf steht es besser da als das Einweggebinde.
Wo dieser Punkt liegt, dazu haben wir zwei Studien gefunden. Sie kommen zu unterschiedlichen Zahlen, und das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Annahmen.
Der Ausgleichspunkt gegenüber Einweg-Kunststoff liegt je nach Studie zwischen 15 und 38 Umläufen. Gegenüber Kunststoffgebinden mit geschlossenem Recyclingkreislauf verschiebt er sich auf rund 60.
Die dokumentierte Lebensdauer eines Mehrwegkegs beträgt 60 bis 180 Umläufe beziehungsweise 10 bis 30 Jahre.
Damit gewinnt das Stahlfass – aber nur, wenn es seine Umläufe tatsächlich fährt. Ein Fass, das nach zwanzig Füllungen im Schrottcontainer landet, hat seine Herstellung nach der strengeren Rechnung nie eingespielt.
Studie 1: 15 bis 20 Umläufe
Die Schweizer Ökobilanz-Gruppe treeze Ltd. (Uster) hat 2013 im Auftrag der Franke Blefa GmbH ein Stahlkeg gegen zwei Einweg-Kunststoffgebinde gerechnet. Autoren sind Franziska Wyss und Rolf Frischknecht; letzterer gehört zu den bekannteren Namen der europäischen Ökobilanzierung.
| Parameter | Stahlkeg | Kunststoff 1 | Kunststoff 2 |
|---|---|---|---|
| Volumen | 19,8 l (1/6 bbl) | 20 l | 20 l |
| Leergewicht | 6,00 kg | 1,05 kg | 1,00 kg |
| Werkstoff | Chromstahl 18/8, Gummi | PET, Aluminium, PE, Gummi | Karton, PET, diverse Kunststoffe |
| Herstellungsland | Deutschland | USA | Skandinavien |
| Transport zur Brauerei | 8.600 km | 2.500 km | 8.600 km |
| Verteilradius | 2 × 800 km | 800 km | 800 km |
| Nach Gebrauch | Reinigung, erneuter Umlauf; 100 % Stahlrecycling am Lebensende | 92 % Restmüll, 8 % Recycling | 92 % Restmüll, 8 % Recycling |
Das Ergebnis: Je öfter das Stahlfass läuft, desto kleiner wird der Anteil der Herstellung an jeder einzelnen Füllung. Waschen und Transportieren fallen ohnehin jedes Mal an und bleiben konstant. Ab etwa 20 Umläufen liegt das Stahlkeg bei Treibhausgasen, kumuliertem Energieaufwand und Wasserverbrauch unter dem besseren der beiden Kunststoffgebinde; je nach Indikator wird der Ausgleichspunkt zwischen 15 und 20 Umläufen erreicht.
Was man dieser Studie nicht zu viel zutrauen sollte
Die Autoren sind hier ungewöhnlich offen, und das gehört dazu:
- Es handelt sich ausdrücklich um eine vereinfachte Ökobilanz, die ISO 14040 und 14044 nicht erfüllt und für den internen Gebrauch des Auftraggebers erstellt wurde.
- Auftraggeber ist ein Hersteller von Stahlkegs. Das entwertet die Rechnung nicht, gehört aber genannt.
- Die Kunststoffgebinde wurden mit generischen Datensätzen für Spritz- und Blasformen modelliert. Die Autoren schreiben deshalb selbst, dass die Treibhausgas- und Wasserwerte der Kunststoffkegs nicht bestätigt sind – und gerade diese beiden Prozesse tragen den Großteil bei.
- Das Szenario ist der US-Markt, mit 8.600 km Anlieferung aus Deutschland. Für eine sächsische Brauerei mit einem Radius von 60 km sagt das wenig.
- Die Abfüllung ist nicht enthalten – weder Anlage noch Reinigungsmedien der Füllerei. Sie fällt bei beiden Systemen an, fehlt also in beiden Bilanzen.
Der Zusammenfassungsbericht steht unter Urheberrechtsvorbehalt von treeze Ltd.; eine Wiedergabe des Textes oder der Abbildung ist ohne schriftliche Zustimmung nicht zulässig. Wir geben deshalb nur die Ergebnisse in eigenen Worten wieder und nennen die Quelle.
Studie 2: 38 Umläufe – und 60 gegen den geschlossenen Kreislauf
2022 erschien in Circular Economy and Sustainability eine begutachtete Arbeit von Michael Martin, Sjoerd Herlaar, Aiden Jönsson und David Lazarevic unter dem Titel From Circular to Linear? Assessing the Life Cycle Environmental and Economic Sustainability of Steel and Plastic Beer Kegs. Sie rechnet für den schwedischen Markt und hat einen ganz anderen Zuschnitt.
Rahmen
Funktionelle Einheit: die sichere Verpackung von einem Liter Bier im 30-Liter-Keg. Betrachtet von der Wiege bis zur Bahre, einschließlich Herstellung, Transport, Nutzung und Entsorgung.
Angenommene Lebensdauer des Stahlkegs: 80 Nutzungen bei 5,5 Umläufen im Jahr, also rund 14 Jahre.
Ergebnis
Die Herstellung eines Kunststoffkegs verursacht je Liter über das Fünffache der Treibhausgase der Stahlkeg-Herstellung; im geschlossenen Kreislauf noch etwa das Vierfache.
Ausgleichspunkt gegenüber dem Einweg-Kunststoffkeg: 38 Nutzungen. Gegenüber beiden Closed-Loop-Szenarien: rund 60 Nutzungen.
Wirtschaftlich fiel das Urteil in dieselbe Richtung, aber deutlicher, als man erwarten würde: Für die betrachtete Brauerei lagen die Jahreskosten mit Stahlkegs bei rund 932.000 SEK gegenüber rund 1.090.000 SEK mit Einweg-Kunststoff – etwa zwei Kronen je Liter Unterschied, in den Closed-Loop-Varianten rund vier.
Auch hier die Einschränkungen der Autoren
- Das Ergebnis hängt stark an der angenommenen Lebensdauer des Stahlkegs. Hersteller nennen über 100 Nutzungen oder 30 Jahre; die Studie rechnet mit 80.
- Für die Recyclingquoten der Kunststoffkegs gab es keine belastbaren Daten. Die Autoren stützten sich auf Medienberichte und Gespräche mit Brauereien.
- Die angenommene Verteilentfernung von 100 km könnte für Schweden zu niedrig sein – und die Entfernung ist der empfindlichste Parameter der ganzen Rechnung.
- Mehrweg-Kunststoffkegs wurden nicht mitverglichen.
Warum 15 und 38 beide stimmen können
Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, sieht keinen Streit, sondern zwei verschiedene Fragen.
| treeze / Franke Blefa 2013 | Martin et al. 2022 | |
|---|---|---|
| Funktionelle Einheit | ein leer angeliefertes Keg | ein Liter Bier im Gebinde |
| Kegvolumen | 19,8 l | 30 l |
| Vergleichsprodukt | zwei Einweggebinde | Einweg und Closed Loop |
| Markt | USA | Schweden |
| Strommix | US-Netz | schwedisches Netz, sehr CO₂-arm |
| Transport zur Brauerei | 8.600 km Stahl / 2.500 km Kunststoff | überwiegend europäisch |
| Ausgleichspunkt | 15–20 Umläufe | 38 bzw. ~60 Umläufe |
| Begutachtet | nein | ja |
| ISO 14040/44 | ausdrücklich nicht | Zeitschriftenstandard |
| Auftraggeber | Keg-Hersteller | Forschungsprojekt |
Zwei Punkte erklären den größten Teil der Differenz. Erstens ist ein 30-Liter-Keg schwerer als ein 19,8-Liter-Keg, transportiert aber mehr Bier – je nachdem, ob man auf das Gebinde oder auf den Liter bezieht, verschiebt sich das Verhältnis. Zweitens ist ein sehr sauberer Strommix bei der Herstellung des Vergleichsprodukts der wirksamste Hebel gegen das Mehrwegsystem: Wo Kunststoff mit schwedischem Strom entsteht und mit kurzen Wegen verteilt wird, muss das Stahlfass länger arbeiten, um seinen Vorsprung herauszufahren.
Wer eine Zahl für Deutschland sucht, findet in keiner der beiden Studien eine. Wir haben keine Ökobilanz gefunden, die europäische Mehrweg-Stahlkegs im typischen Radius eines deutschen Regionalbetriebs rechnet. Die ehrliche Antwort auf die Frage nach dem deutschen Ausgleichspunkt lautet daher: Er liegt vermutlich zwischen den beiden genannten Werten, belegen lässt sich das aber nicht.
Der zweite Hebel ist die Entfernung
Es gibt einen Befund in der schwedischen Studie, der gegen das Stahlfass spricht, und er verdient es, hier zu stehen und nicht weggelassen zu werden.
Liegt der Endkunde weiter als rund 245 km von der Brauerei entfernt, kann das Kunststoffgebinde bei den Treibhausgasen die bessere Wahl werden. Beim fossilen Ressourcenverbrauch liegt der Gleichstand bei etwa 217 km. Im schwedischen Closed-Loop-Szenario sinkt die Schwelle auf rund 150 km.
Der Grund ist banal und unausweichlich: Sechs Kilogramm Leergewicht fahren mit – und zwar zweimal, hin als Vollgut und zurück als Leergut. Das Einweggebinde fährt einmal und wiegt ein Sechstel. Jeder zusätzliche Kilometer bestraft das Mehrwegsystem doppelt.
Daraus folgt kein Argument gegen das Fass, sondern eines für kurze Wege. Mehrweg ist ein Regionalsystem. Wer Fassbier über 800 km exportiert, sollte nicht behaupten, das sei aus ökologischen Gründen so – dafür gibt die Datenlage nichts her.
Wo steht Ihre Flotte?
Die beiden Ausgleichspunkte sind nur dann interessant, wenn man weiß, wo die eigenen Fässer stehen. Tragen Sie Ihre Zahlen ein – gerechnet wird nichts weiter als Umläufe pro Jahr mal Jahre.
Umlaufrechner
Die Marken auf der Skala sind veröffentlichte Werte, keine Schätzungen.
Die Voreinstellung – sechs Füllungen im Jahr, zehn Jahre – entspricht der unteren Ecke der Verbandsangabe von 10 bis 30 Jahren beziehungsweise 60 bis 180 Umläufen. Ein Fass, das dort landet, hat beide Ausgleichspunkte hinter sich, den strengen gegen den geschlossenen Kunststoffkreislauf gerade eben.
Was passiert, wenn das Fass die Umläufe nicht erreicht
Alle drei Ausgleichspunkte – 15, 38, 60 – liegen unterhalb der dokumentierten Lebensdauer von 60 bis 180 Umläufen. Das klingt beruhigend und ist es auch, solange das Fass die Strecke fährt. Es fährt sie aber nicht automatisch.
- Das Fass verschwindet. Es steht in einem Keller, in einer Werkstatt, auf einem Hof. Es ist nicht kaputt, es ist nur nicht im Umlauf – und jede Füllung, die es nicht macht, verteilt seine Herstellungslast auf weniger Liter.
- Das Fass wird verschrottet, obwohl es läuft. Fremde Fässer ohne erkennbaren Eigentümer landen als Mischschrott im Container. Der Stahl wird recycelt, die Umläufe sind verloren.
- Das Fitting wird nicht überholt. Der Behälter ist unverwüstlich, die Mechanik darin nicht. Wer das Überholungsintervall reißt, mustert am Ende ein intaktes Fass wegen eines verschlissenen Ventils aus.
Eigene Schlussfolgerung, ausdrücklich als solche gekennzeichnet
Keine der beiden Studien modelliert Verlust, Fehlbestand oder Aufarbeitung. Beide rechnen mit einem Fass, das brav bis zum Ende seiner angenommenen Lebensdauer läuft.
Genau dort liegt aus unserer Sicht der wirksamste Hebel: Ein zurückgeführtes und weiterlaufendes Fass ist ökologisch nicht ein bisschen besser als ein neues, sondern um seinen gesamten Herstellungsaufwand besser. Diesen Betrag kann keine Materialoptimierung und kein Recyclinganteil einholen.
Kurz gefasst
Die Frage „Stahl oder Kunststoff?" hat keine allgemeingültige Antwort, sondern eine standortabhängige. Innerhalb eines vernünftigen Verteilradius und über eine normale Lebensdauer gewinnt das Mehrwegfass nach beiden gefundenen Studien deutlich – nach der strengeren ab 38, nach der milderen ab 15 Umläufen, bei einer dokumentierten Lebensdauer von 60 bis 180.
Der Vorsprung ist aber kein Materialvorsprung. Er wird auf der Straße gefahren, Umlauf für Umlauf. Ein Fass, das nicht zurückkommt, gewinnt nichts.
