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Blog · Umwelt

Was am Ende vom Fass übrig bleibt

„Edelstahl ist zu 95 Prozent recycelbar“ steht in jeder Broschüre der Branche, unsere eigene eingeschlossen. Die Zahl stimmt sogar. Nur bedeutet sie etwas anderes, als fast alle glauben, die sie zitieren – und das lässt sich in derselben Quelle nachlesen, aus der sie stammt.

Edelstahl-Kegs am Einlauf eines Schredders, daneben bereits zerkleinerter Edelstahlschrott
Das Ende der Nutzungsdauer. Was davon als Edelstahl zurückkommt, entscheidet die Sortierung. Symbolbild, KI-erzeugt.

Die 95 Prozent, aufgeschlüsselt

Die belastbarste Zahlenbasis zum Edelstahlkreislauf stammt aus einer Auswertung des Karlsruher Instituts für Technologie über Einzeldaten aus fünfzig Ländern, Bezugsjahr 2019, veröffentlicht vom Weltverband worldstainless. In der deutschen Fassung der Informationsstelle Edelstahl Rostfrei steht die Rechnung offen daneben:

„Recyclinganteil am Lebensdauerende (einschließlich Kohlenstoffstahl-Kreislauf) … ≈ 95 %“

„Nur Edelstahlschrott: … ≈ 70 %“

„25 % der nichtrostenden Stähle werden am Ende ihrer Lebensdauer wiederverwertet“ – „37 % … werden zur Herstellung von neuem Kohlenstoff- oder Spezialstahl verwendet“

Informationsstelle Edelstahl Rostfrei, deutsche Fassung von „The Global Life Cycle of Stainless Steels“, Daten KIT 2022 für das Bezugsjahr 2019

Die 95 Prozent sagen also: Praktisch nichts landet auf der Deponie. Sie sagen nicht: Aus einem alten Fass wird ein neues Fass. Ein erheblicher Teil des Materials geht in Kohlenstoffstahl – Baustahl, Bewehrung, Profile. Das ist Verwertung, aber es ist Abstieg. Chrom und Nickel, die den Edelstahl teuer und beständig machen, sind darin als Legierungswert verloren.

Recycelt heißt nicht: bleibt Edelstahl.Rund ein Viertel des ausgemusterten Edelstahls kehrt als Edelstahl zurück. Der Rest wird stofflich verwertet – überwiegend eine Klasse tiefer.

Wohin das Material geht

Der Weg eines Edelstahlkegs von der Herstellung bis zum Lebensende – und die Aufteilung des Materials, das dort ankommt.

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60 bis 180 Füllungen · 10 bis 30 Jahrehier passiert das eigentliche Recycling1Neues Fass1.4301 · rund 11 kg2Im UmlaufBrauerei, Gastronomie3Aufarbeitungprüfen, richten, prüfenLebensende95 % verwertet25 %Neuer Edelstahlgeschlossener Kreislauf37 %KohlenstoffstahlChrom und Nickel verloren33 %Weitere WegeQuelle nennt sie nichtnur dieser Strang schließt den Kreis
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Nur die Werte 25 %, 37 %, 70 % und 95 % stehen so in der Quelle (Informationsstelle Edelstahl Rostfrei, deutsche Fassung von „The Global Life Cycle of Stainless Steels“, Daten KIT 2022, Bezugsjahr 2019). Die 33 % sind die Differenz – die Quelle schlüsselt den Rest nicht auf. Füllzahl und Nutzungsdauer sind Hersteller- und eigene Erfahrungswerte, keine unabhängig geprüften Größen.

Fünf Zahlen, fünf Quellen, ein Durcheinander

Wer nach dem Recyclinganteil von Edelstahl sucht, findet je nach Suchbegriff etwas anderes. Alle Werte stammen von Industrieverbänden; eine unabhängige behördliche Gegenzahl existiert nicht. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Einschränkung, die man kennen sollte.

ZahlHerkunftBezugsjahrEinordnung
48 % Schrott
95 % Lebensende
worldstainless, Daten KIT2019Aktuellster und methodisch transparentester Wert. 50 Länder, Einzeldatenauswertung.
85 % LebensendeISSF, „Stainless Steel and CO2“2021Im Wortlaut ausdrücklich eine Schätzung: „It is estimated that at least 85 %“. Durch den KIT-Wert überholt.
rund 60 % RezyklatSSINA, US-Verband2002Beruht auf Produktionsdaten von 2002. Wird bis heute zitiert, auch in Europa, wo sie nie gegolten hat.
75 bis 90 % SchrottInformationsstelle Edelstahl Rostfrei2016Deutlich höher als der globale Wert. Beschreibt vermutlich die europäische Elektroofenroute – ausgesprochen wird das in der Quelle nicht.
99,8 % verwertetEurostat, Abfallstatistik MetallelaufendAnderer Bilanzraum: Der Wert beschreibt, welcher Anteil des bereits erfassten Metallschrotts verwertet statt deponiert wird – nicht, wie viel Edelstahl am Lebensende überhaupt in die Sammlung gelangt. Genau diese Zahl begegnet einem in Werbetexten am häufigsten.
„100 % recycelbar" beantwortet die Frage nichtDer Kern

Der Satz stimmt. Edelstahl ist vollständig recycelbar – das ist eine Materialeigenschaft und keine Aussage darüber, was tatsächlich passiert. Recycelbarkeit und Rückgewinnungsquote sind zwei verschiedene Dinge, und sie werden regelmäßig als eines behandelt.

Die Zahl, auf die es ankommt, steht weiter oben: Von dem Edelstahl, der am Lebensende gesammelt wird, kehrt rund ein Viertel als Edelstahl zurück. Der größere Teil wandert in die Kohlenstoffstahlproduktion und verliert dabei Chrom und Nickel. Das ist der Unterschied zwischen einer Eigenschaft und einer Quote – und der Grund, warum dieser Artikel existiert.

Unsere Deutung, ausdrücklich als solcheSchlussfolgerung

Die Spanne zwischen 48 und 75 bis 90 Prozent ist wahrscheinlich kein Widerspruch, sondern ein Unterschied im Bilanzraum: Der globale Durchschnitt wird von der schrottarmen Nickelroheisenroute in Asien gedrückt, während der europäische Elektrolichtbogenofen fast ausschließlich Schrott einsetzt. Diese Erklärung ist schlüssig – sie steht aber in keiner der Quellen. Wir führen sie als Vermutung, nicht als Befund.

Was der Schrottanteil beim CO2 bewirkt

Hier wird es ungewöhnlich konkret. Derselbe Verband weist für das Produktionsjahr 2022 die Gesamtemissionen je Tonne Edelstahl nach Schrottanteil aus, Scope 1 bis 3 zusammen:

  • 85 % Schrott1,95 t
  • 75 % Schrott2,45 t
  • 50 % Schrott3,70 t

Von 50 auf 85 Prozent Schrott halbiert sich der Fußabdruck nahezu. Bemerkenswert ist dabei die Verteilung: Scope 3 – also die Vorkette, im Wesentlichen der Rohstoff – macht je nach Schrottanteil 59 bis 88 % der Emissionen aus. Was im Werk selbst passiert, ist der kleinere Teil.

Eine Zahl, die wir nicht verwendengeprüft und verworfen

Auf der Recyclingseite desselben Verbands steht, Recyclingproduktion senke die Emissionen „um bis zu 90 %“. Diese Angabe hat keinen Bilanzraum, keine Bezugsgröße und keinen Beleg – und sie widerspricht der eigenen Detailtabelle: 1,95 gegen 3,70 Tonnen sind rund 47 Prozent, nicht 90.

Wir nennen sie hier nur, damit niemand sie in unseren Unterlagen sucht. Sie kommt in keinem unserer Texte vor.

Warum ausgerechnet ein Keg ein sauberer Recyclingfall ist

Die Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen legt für die Schrottsorte „Cr-Ni-Schrott 18-8“ fest: Chrom mindestens 16 Prozent, Nickel mindestens 7,5 Prozent – und Kupfer höchstens 0,5 Prozent. Der Kupfergrenzwert ist der eigentliche Engpass. Buntmetall ist der kritische Störstoff im Edelstahlschrott, weil es sich beim Einschmelzen nicht mehr entfernen lässt.

Genau hier hat ein Bierfass einen Vorteil, über den selten jemand spricht: Es enthält kein Messing. Der Fasskörper ist 1.4301, die Metallteile des Fittings sind Edelstahl, dazu kommen Dichtungen aus EPDM und wenig Kunststoff. Messing sitzt im Zapfkopf, nicht im Fitting. Elastomere und Kunststoff sind unkritisch, weil sie im Schredder ausgetragen oder beim Einschmelzen verbrannt werden.

Diese Verknüpfung ist unsere eigene

Die Kupfergrenze steht bei der BDSV, die Werkstoffangaben stehen bei den Herstellern und in der Branchenspezifikation der BFBi. Dass daraus folgt, ein Keg sei ein besonders gut sortierbarer Schrottfall, sagt keine der beiden Quellen. Es folgt aber sauber aus beiden.

Der Weg in der Praxis

  • Prüfung vor der VerschrottungEin seriöser Recycler sortiert zuerst aus, was noch aufarbeitbar ist. Ein britischer Betrieb schreibt das ausdrücklich in seine Prozessbeschreibung: reparable Fässer werden zurückgelegt, nicht geschreddert.
  • DemontageFitting heraus, Dichtungen und Kunststoffteile ab. Edelstahl, Gummi und Kunststoff werden getrennt.
  • ZerkleinerungPresse, Schere oder Schredder – letzterer ist laut BDSV derjenige, der Verbundwerkstoffe trennt. Für PU-ummantelte Fässer wäre das der naheliegende Weg; belegt haben wir das nicht, dazu hat kein Hersteller und kein Recycler etwas veröffentlicht.
  • SortierungAustenitischer 1.4301 lässt sich magnetisch von ferritischem Baustahl trennen. Die endgültige Zuordnung erfolgt mit Röntgenfluoreszenz- oder Spektralanalyse.
  • EinschmelzenAls 18-8-Schrott zurück in den Elektrolichtbogenofen – oder, wenn die Sortierung nicht sauber genug war, in den Kohlenstoffstahlkreislauf. Das ist der Unterschied zwischen den 25 und den 37 Prozent von oben.

Die Beschriftung entscheidet, ob ein Schrotthändler das Fass annimmt

Ein Keg mit lesbarer fremder Brauereikennzeichnung ist Eigentum dieser Brauerei – unabhängig davon, wer es gerade im Hof stehen hat. Seriöse Schrotthändler nehmen es deshalb nicht an. Ein Fass, dessen Kennzeichnung unleserlich ist, nehmen sie ebenfalls nicht an, weil sich die Herkunft dann nicht klären lässt.

Beides ist im Ergebnis dasselbe: Fremde Fässer gehören nicht in den Schrott, sondern zurück. Wie das abläuft, steht hier.

Was ein Fass im Schrott wert ist – und warum wir keine Zahl nennen

Eine frei zugängliche, belastbare Preisreihe für Edelstahlschrott der Sorte 18/8 gibt es nicht. Der professionelle europäische Referenzwert ist die wöchentliche Notierung MB-STS-0008 von Fastmarkets, „Stainless steel scrap 18/8 solids, delivered merchant Europe“, geführt seit Juli 2014. Sie ist kostenpflichtig. Dasselbe gilt für die Marktberichte von EUWID und MEPS.

Was frei zugänglich ist, sind Schrottportale, die Ankaufsangebote von Händlern mitteln. Eines davon legt seine Methode selbst offen: arithmetisches Mittel aller in den letzten dreißig Tagen erfassten Preise aus einundzwanzig nicht genannten Händlern, mit dem Hinweis, aktuelle Preise direkt zu erfragen. Das ist kein Index und keine Notierung, sondern ein Aggregat mit Geschäftsmodell.

Nicht verwechseln sollte man das mit dem Legierungszuschlag, den die Werke monatlich veröffentlichen. Der ist frei einsehbar, betrifft aber Neumaterial, nicht Schrott.

Für die Bewertung eines Fasses arbeiten wir deshalb mit datierten eigenen Einkaufsangeboten statt mit Portalzahlen. Wie die Bewertung im Einzelnen funktioniert, steht im Werkstattartikel.

Was die PPWR dazu sagt

Zwei Punkte sind für Metallverpackungen wichtig, und sie werden regelmäßig verwechselt.

Rezyklatanteil: gilt nicht

Artikel 7 der Verordnung (EU) 2025/40 trägt den Titel „Mindestrezyklatanteil in Kunststoffverpackungen“. Für Metall gibt es keine Rezyklatquote. Drei unabhängige Kammerauslegungen bestätigen das übereinstimmend.

Recyclingfähigkeit: gilt sehr wohl

Artikel 6 stuft Verpackungen nach dem Massenanteil recyclingfähigen Materials ein: Stufe A ab 95 %, B ab 80 %, C ab 70 %. Ab 2030 ist mindestens C nötig, ab 2038 nur noch A oder B.

Ein Edelstahlkeg mit Edelstahlfitting und EPDM-Dichtungen liegt beim nichtmetallischen Massenanteil weit unter fünf Prozent und erreicht Stufe A mit großem Abstand. Für ein Stahlfass ist Artikel 6 also kein Risiko. Für Verbundgebinde aus mehreren Kunststoffschichten sieht die Rechnung anders aus.

Auch hier gilt der Vorbehalt, den wir schon im PPWR-Artikel gemacht haben: Der amtliche Volltext im Amtsblatt war über unsere Werkzeuge nicht vollständig abrufbar. Die Artikelzuordnung stützt sich auf drei übereinstimmende Kammer- und Fachquellen, nicht auf den Wortlaut selbst.

In eigener Sache

Wir arbeiten Kegs auf und verdienen daran, dass Fässer nicht verschrottet werden. Der ehrlichste Satz dieses Artikels ist deshalb der unbequemste: Auch ein Fass, das in den Schrott geht, ist kein Umweltschaden. Es wird zu 95 Prozent stofflich verwertet. Der Unterschied zwischen Aufarbeitung und Verschrottung ist nicht Kreislauf gegen Müll, sondern Kreislauf auf hohem Niveau gegen Kreislauf mit Wertverlust. Das ist ein schwächeres Argument als „sonst wird es Müll“ – aber es ist das richtige.

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